Mittwoch, 24. Februar 2010

And the winner is...


Selbstironie?



Hersteller C!

Lange hin- und hergewälzt kam die Entscheidung dann doch quasi im Schlaf. Wirklich begründen kann ich sie noch nicht mal. War eher intuitiv. Und das Schicksal hat mich dann dankbarerweise auch bestätigt, nachdem Hersteller B mir die Preise – obwohl angekündigt, dass sie wichtig seien für meine anstehende Entscheidung – eine Woche zu spät schickte. Der Chef hatte mir noch versprochen, sie würden sinken. Taten sie aber nicht, stattdessen stiegen sie um ein Drittel.

Ich flog also von Kerala zurück nach Delhi um in Agra Hersteller C zu treffen. Wenn ich sage fliegen, dann denkt man nun, das sei eine schnelle Angelegenheit. Allerdings brach ich Freitag um neun Uhr morgens auf, um vor meiner Abreise einen Arzt aufzusuchen, weil sich ziemlich schmerzhafte rote Flecken mit Pusteln auf meinem Hals verteilten. Wider erwarten war ich dort so schnell mit Antibiotika ausgestattet (infizierter Insektenbiss), dass ich 1,5 Stunden zu früh am Zug war. Der fuhr dann vier Stunden, weiter im Taxi eine halbe Stunde, vier Stunden warten am Flughafen, 4,5 Stunden Flug und dann von Mitternacht bis zwei Uhr morgens im Taxi durch Delhi, weil der Fahrer keine Ahnung hatte, wohin. Nachdem wir eine Stunde im Kreis gefahren waren, ich alle zwei Minuten im Hotel telefonisch nach dem Weg gefragt hatte, kamen wir genau an dem Punkt an, wo wir angefangen hatten und waren da. Herzlichen Glückwunsch. Das Hotel war dann kein Hotel, sondern irgendwas, was ich bis jetzt nicht benennen kann, in dem ich dann mit ohne Laken und mit ohne Decke ausgestattet um halb drei Uhr morgens im Schlafsack lag. Um sieben wieder raus und in den Zug nach Agra.

Samstag dann den ganzen Tag beim Hersteller C in Agra. Zu sagen, dass jetzt alle Probleme gelöst wären, wäre eine Lüge. Da haben sie mal wieder alte Maßtabellen genommen, um neue Samples herzustellen bei dem einen oder anderen Teil. Aber dazu säufst man kurz und ignoriert es. So mache ich das zumindest. In Agra steht also alles soweit. Im Moment stellen sie noch die Samples in allen Größen her, damit dann danach den deutschen Damen alles gut passt. Die werde ich dann nächsten Mittwoch abholen und beten, dass keine großen Katastrophen mehr auftauchen, weil Donnerstag in der Früh geht es zurück nach München. Zeit für Fehler ist also keine mehr eingeplant.

Von Agra aus nahm ich dann des nächtens den Zug nach Varanasi und kam Sonntag früh hier an, sogar ohne komplett fertig zu sein. In Varanasi sitzen die Webereien für den IndiaFling Brokat. Ein Geschäft mit jahrhundertelanger Tradition. Wunderschöne Stoffe werden hier von der muslimischen Gemeinschaft auf elektrischen Webstühlen und auf Handwebstühlen gewebt. Mehrere Webereien habe ich besucht und die Stoffe, die sie einem vorlegen sind teilweise einfach nur atemberaubend schön. Ich habe mich der Qual der Wahl stellen müssen und habe vier Muster und Farben für die nächste Kollektion ausgewählt. Zwanzig Mal habe ich meine Meinung geändert bis alle endgültig völlig verwirrt und genervt waren.

Ravi, der Mittler zwischen Käufer und Weber, hat mich wieder schön stilgerecht auf dem Motorrad ohne Helm durch Varanasi gekurvt. Business Indian style, so wie ich es am Liebsten mag J.

Auch die Hersteller des IndiaFling Schmucks habe ich besucht und einiges bestellt. Die Perlen werden hier alle per Hand in winzigen Workshops gefertigt und gehen dann an Anjali, die daraus Ketten, Armbänder und Ohrringe macht. Anjali ist Mutter von mittlerweile fünf Kindern (und von zwei, die schon so alt sind, dass ich sie noch nie gesehen habe) und verkauft hier Schmuck an Touristen. Anjali hat einen Mann, der zwei Frauen hat und sie und die Kinder quasi nicht unterstützt. Sie hat das Geld also dringend nötig. Jetzt erst recht, weil sie vor fünf Monaten ein kleines Mädchen am Ufer des Ganges aufgelesen hat, das dort mutterseelenallein saß und weinte. Ihre Mutter ist seitdem nicht mehr aufgetaucht und kein Mensch weiß, was passiert ist. Die kleine Durga wohnt jetzt also bei der Familie.

Auf dem Programm hier stand auch das Saraswati Education Centre, das IndiaFling unterstützt. 45 Kinder aus den ärmsten Familien gehen hier zur Schule. Seit ich das erste Mal hier war, besuchen auch Anjalis Söhne Akash und Krishna diese Schule und ich freue mich besonders, dass der Lehrer sagt, dass sie mittlerweile schon ganz gut schreiben können. Amit und sein Bruder Somit stecken ihre ganze Zeit und ihr ganzes Geld in diese Schule und sind wirklich mit Leib und Seele dabei. Sobald genug Geld gesammelt ist, soll die Schule umziehen, damit außerhalb der Stadt genug Platz für mehr Kinder ist. Auch sollen die Kinder unter der Woche dann dort schlafen.

Puh, viel Info auf einmal, aber es ist auch viel passiert. Leider soviel, dass ich kaum Zeit zum Schreiben hatte. Deswegen die jüngsten Entwicklungen etwas komprimierter. Heute Abend geht es mit dem Nachtzug nach Kalkutta, ein neues Projekt anschauen. Ich bin gespannt! Und endlich darf ich bei Holi mitmachen, dem indischen Festival der Farben. Mir wurde schon gesagt, ich solle bitte nicht das Haus verlassen während dieser Zeit, da man mit allem möglichen beworfen wird, hauptsächlich eben mit Farbe. Das spornt mich aber natürlich noch mehr an, das Haus zu verlassen. Vor allem, weil ich bei meinem Freund Debasis und seiner Familie in Kalkutta sein darf und dann hoffentlich ein echtes indisches Holi erlebe.

Sonntag, 14. Februar 2010

Wer was und warum überhaupt das Ganze...


So oder so aehnlich reist unser Schmuck durch Indien gen Deutschland. (nochmal danke an Thorsten. Und ab sofort nehm ich meine eigene Kamera mit)

Varkala. Trockene Matratze. Palmen überall. Blick übers Meer bis zum Horizont. Paradies quasi. Varkala ist der Ort, an dem vor zweieinhalb Jahren die Idee zu IndiaFling entstand.

Und gerade las ich am Strand Günter Faltins „Kopf schlägt Kapital“. Ein leidenschaftliches Plädoyer für Entrepreneurship. Dafür, dass jeder sein eigener Unternehmer sein kann und sollte – sofern er Ambitionen dafür spürt. Der Gründer der Teekampagne hat es selber vorgemacht. Er sagt,wenn man nur nach der richtigen Idee suche, diese richtig austüftele und dann noch mit Hilfe professioneller Dienstleister, die sich um die Administration kümmern, umsetze, dann könne es jeder schaffen. Auch ohne Kapital. Und im Prinzip ohne sich dabei aufzuarbeiten.

Das Buch hat mich fasziniert und mich gleichzeitig in meiner Entscheidung, IndiaFling aufzuziehen, bestätigt. Nur ganz so ohne Hürden, wie Faltin das beschreibt, geht es leider nicht zu. Faltin selbst importiert Tee aus Darjeeling, den, laut ihm, besten Tee der Welt. Bioqualität. Nur in Großpackungen. Und verkauft ihn billiger als jeder andere auf dem deutschen Markt. Mit keinem Wort allerdings erwähnt er in seiner Erfolgsgeschichte Schwierigkeiten bei Produzentensuche und dem Umgang mit der indischen Geschäftswelt. Es muss also an mir liegen.

Spaß beiseite. Wie kommt man eigentlich dazu, sich so ins Abenteuer zu stürzen? 2007 beendete ich mein Studium und war schon während der Lernerei schier wahnsinnig ob der Überlegung, was denn danach kommen sollte. Irgendwo dauerhaft angestellt sein? Feste Arbeitszeiten? Immer in Deutschland? Das erschien mir alles ganz schrecklich. Also beschloss ich kurzerhand nach meinem Diplom noch mal (ein zweites Mal) für drei Monate nach Indien zu reisen. Dort wollte ich ernsthaft in mich gehen und schauen, ob das mit der Selbständigkeit wirklich für mich infrage käme. Also völlig abseits des Einflusses von Freunden und Familie. Die waren zum damaligen Zeitpunkt alle völlig dagegen.

Also standen erst mal zwei Monate Reisen auf dem Programm und dann noch ein Monat Yogalehrerausbildung im Ashram, wo ich jetzt auch gerade die letzen vier Tage war. Immerhin, dachte ich mir, könnte man dann ja ein wenig Yoga unterrichten und müsste nicht immer nur im Büro sitzen. Nach fünf Wochen war mir völlig klar, dass ich mich unbedingt und ganz dringend selbständig machen wollte. Nur womit, das war die Frage des neuen Jahrhunderts.

In Varkala traf ich dann, wie durch eine Fügung des Schicksals, einen indischen Engländer oder englischen Inder oder wie man sagt. Der lebte davon, dass er einmal im Jahr eine Riesenfracht Mangos an mehrere dieser gigantischen britischen Supermärkte verschiffte. Und nachdem er immer Mitbringsel aus Indien an seine Freunde zu Hause liefern musste, beschloss er irgendwann, auch noch Klamotten und Schmuck zu importieren. Zack zack. Einfach so.

Beim Wort Import tauchten vor meinem inneren Auge immer riesige Aktenmengen auf, die ein Normalsterblicher in diesem Leben nicht bewältigen könne. Beim Essen kritzelte er mir dann mal eben so den Ablauf eines normalen Export/Importgeschäfts auf und da dachte ich mir: Großartig, keine Aktenberge. Los geht’s. Seinen Hersteller würde er mir selbstverständlich auch nennen, so dass ich mir darum keine Sorgen machen müsse.

Von da an war in meinem Kopf die Sache geritzt. Yoga beiseite, genau das wollte ich machen. Nur, ihr könnte es Euch denken, so einfach war’s am Ende nicht. Eigentlich sollte ich den indischen Engländer oder englischen Inder vor meiner ersten Produzentenreise nach Indien in Schottland treffen. Doch drei Wochen vor unserem Treffen machte er mir über MSN eine Liebeserklärung. Alle weiteren Infos seinerseits fielen aus, nachdem ich ihm diplomatisch mitteilte, dass ich kein Interesse hätte.

Da war der Flug nach Indien aber schon gebucht und ein Zurück gab es nicht mehr. Stocksauer war ich auf diesen Herren. Ich glaube sogar, stocksauer trifft es noch nicht ganz. Aber immerhin hatte er mir ein klitzekleines bisschen Sicherheit vermittelt. So viel zumindest, dass ich monatelang an IndiaFling bastelte und bei seinem Rückzug schon so überzeugt war von der Idee, dass ich sie niemals mehr aufgegeben hätte. Und dann kurzerhand ohne Plan und ohne Infos nach Indien bin. Rückblickend gesehen, bin ich mehr als dankbar, dass ich diesen Menschen getroffen habe und dass er mir diesen ganzen Mist erzählt hat.

Er war der erste wirklich Selbständige, den ich kennen gelernt habe und der einfach durch und durch von seiner Sache überzeugt war. Ein Macher. Er hat mir klar gemacht, dass es geht, wenn man es nur will. Zwar erklärten mich alle für bescheuert, als sie von meiner Entscheidung hörten. Nach meiner Rückkehr war ich teilweise wirklich verzweifelt, weil keiner so recht zu begeistern war von meinem Plan und erwog sogar, in eine andere Stadt zu ziehen, damit mich keiner beim Arbeiten und meinem eventuelle Scheitern beobachten könnte. Aber nach einigen Monaten hatte ich kompromisslos alle meine Freunde und meine Eltern hinter mir. Warum? Ich glaube, ich war mir einfach so sicher, dass ihnen nichts anderes übrig blieb.

Und lustigerweise drehte sich der Spieß irgendwann um und alle waren so überzeugt von der Sache, dass mir selber manchmal Angst und Bange wurde. Während meine Freunde mich schon im Ziel visualisierten, kämpfte ich wieder und wieder mit dem Gedanken sang und klanglos unterzugehen. Aber die positive Unterstützung, die ich von allen um mich herum erhalten habe, und der unermüdliche Arbeitseinsatz meines Vaters haben diesen Gedanken nie zu stark werden lassen.

Danke an Euch alle! Ohne Euch würde es IndiaFling heute so nicht geben.

Ich will hier nichts beschönigen. Es gibt Tage, da will ich einfach nur schreien und denke mir, warum der ganze Mist. Aber ehrlich: Ich habe es niemals wirklich bereut. Es macht einfach Spaß, etwas ganz eigenes aufzuziehen. Das kompensiert einen für alle Rückschläge, die auftauchen. Und schließlich ist der Weg das Ziel.

So, der nächste Eintrag wird wieder sachlicher, versprochen!




Special thanks to Georg, Christine, Mihaela, Andrea, Christian, Natalie, Anesa, Vroni, Anna, Julia, Ariane, Andi, Achim, Sandra, Moritz, Markus, Volker, Max, Mohammed, Gopal, Anjali, Anurag J., Anurag H., Rajendra, Ravi, Ali und Somit. Und an alle meine Freunde.

Montag, 8. Februar 2010

Die Qual der Wahl oder Susi, was soll ich tun?


How to visit a mosque in style... auch wenn man eh schon einen Sack traegt, der bis zum Knie geht, dazu eine Strickjacke und einen Schal: Die orangene Blumenkluft muss trotzdem her. Hier in der fantastischen Jama Masjid, der größten Moschee Indiens.


Feuchte Matratze die zweite… Freitag Nacht kam ich aus Agra wieder und das einzige Zimmer, das ich auf die Schnelle finden konnte, war wieder so ein kleiner Bunker. Und da ich Sonntag schon wieder los wollte, war mir das egal. Mmh, jetzt bin ich immer noch hier, aber irgendwie mag ich meinen kleinen Bunker. Wir haben uns aneinander gewöhnt.


Agra war eigentlich sehr erfolgreich. Hersteller C ist ein Familienunternehmen mit zwei Fabriken, die eine davon fair trade und GOTS zertifiziert und mit dem Haus der Familie auf einem Grundstück. Also mittags immer schön indisch gegessen mit Familienanschluss. Also in dem Sinne, dass ich mit einer Familie am Tisch saß…


Der Sohn hat die Geschäfte übernommen, der Vater kümmert sich um die Finanzen, die Mutter um die technischen Dinge wie Schnitte zum Beispiel. Interessanterweise übernimmt die Schwiegertochter im Gegensatz zur Mutter in der Familie eine komplett traditionelle Rolle, isst nicht gleichzeitig mit allen am Tisch und serviert das Essen.


Hersteller C jedenfalls kommt qualitativ nicht an die Samples von Hersteller B ran und schafft es auch mal, den Brokat falschrum an das Oberteil zu nähen. Dafür sind für ihn kleine Mengen an der Tagesordnung und mehr als 500 Teile von einem Stück werden bei ihm nie bestellt. Da fühlte ich mich natürlich gleich ziemlich entspannt und endlich mal nicht mehr wie ein Klinkenputzer. Auch die Stoffmengen sind nicht ganz so horrend hoch, 250 Kilo wären auch in Ordnung.


Als ich Agra dann am Freitag wieder Richtung Delhi verließ, um mich mit A und B zu treffen, war ich mir eigentlich sicher, dass ich mit C arbeiten sollte. Einfach ganz entspannt, ohne Druck… auch mit den Preisen sind sie noch mal ordentlich runter gegangen. Teuer bleibt es trotzdem.


Als ich dann am Samstag mein Date mit Hersteller B hatte, war ich allerdings von der Qualität der geänderten Samples wieder komplett überwältigt. Da stimmt einfach alles. Die wissen genau, was sie tun. Der Pattern Master, als der Schneider, der für die Schnitte zuständig ist, ist einfach nur genial. Und der Merchandiser Lalit (derjenige, welcher mich betreut) schaut sich das Ding auch einfach nur an und sagt: da ein Zentimeter mehr, da einer weniger… und genau so sagt er das, weil Sprechen ist, wie gesagt, nicht so sein Ding. Was mich natürlich irritiert, weil er einem mit seinem Pokerface auch in keinster Weise zu verstehen gibt, ob er einen mag oder total grauenhaft findet.


Jedenfalls beschloss ich noch an Ort und Stelle, Hersteller A sofort abzuschaffen. Preis hin oder her. Ich bezweifle einfach bis heute, ob diese Samples je hergestellt wurden und keiner hat mir irgendwie Aufschluss darüber gegeben, wo sie hin verschwunden sind. Außerdem hatte ich großartigerweise das Gefühl, vom Cheffe angegraben zu werden und spätestens dann ist der Spaß vorbei. Weil ein Minimum an Professionalität und Abstand sollte wohl gewahrt bleiben.


Sind es also nur noch B und C und jetzt habe ich die Qual der Wahl… und Susi fasst das noch mal für Dich zusammen. Nimmst Du Kandidat B, der herausragende Qualität liefert, nicht mit Dir spricht, langfristig steigende Quantitäten erwartet und pi mal Daumen genauso teuer ist wie C. Oder entscheidest Du Dich für Kandidat C, der Dir gerne kleinere Mengen herstellt, der Dir nicht das Gefühl gibt, dass Du ein Bittsteller bist, aber der auch mal den Stoff falschherum verwendet.


Was meint Ihr?


Ich für meinen Teil weiß es nicht, deswegen mache ich jetzt erst mal Urlaub. Morgen ins Ashram nach Kerala in Südindien um bei Yoga und Meditation auf die Eingebung zu warten. Und dann hoffentlich noch ein paar Tage an den Strand bevor es nächste Woche weitergeht. Nach Kalkutta und Varanasi. Wenn ich mich wieder melde, kann ich Euch hoffentlich eine Entscheidung präsentieren. Und dann gibt es eine kleine Photostrecke mit den Abläufen in einer Textilfabrik.

Mittwoch, 3. Februar 2010




Nachdem Hersteller A wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist, bin ich im Moment in der glücklichen Situation, mit drei verschiedenen Produzenten zu verhandeln. Alas, ich muss nicht bei allem, was sie sagen, zu Kreuze kriechen. Nur bei fast allem.

Hersteller A war so freundlich, mich am Wochenende zum Essen einzuladen und hat sich für sein Verschwinden entschuldigt. Nun war er ja im Krankenhaus und daher unpässlich. Da sonst keiner mit meinen Sachen vertraut war, sehe ich ja ein, dass da mal was schief laufen kann. Nur sind die Samples, die er hätte schicken sollen, komplett verschwunden. Kein Mensch weiß, wo sie sind. Angeblich gab es in letzter Zeit öfter Probleme mit dem Courier. Leider kann mir nicht mal jemand sagen, welcher Courier das war. Sehr kurios, die Geschichte. Meine Fedex Sendungen kommen immer an. Und das auch noch pünktlich.

Dafür hatte er ein paar „Counter-Samples“ dabei. Das sind Samples, die als Gegenstück in der Fabrik bleiben. Die waren, nun ja, alles andere als der Hit. Aber ausbaufähig. Montag war dann Fabrikbesichtigung angesagt und Diskutieren der Schnitte. Bis Freitag sollen jetzt neue Samples fertig sein und da ich persönlich in die Fabrik fahre, kann das mit dem Courier diesmal keine Ausrede sein. Eigentlich würde ich nach allem, was war, Abstand nehmen, von diesem Hersteller.

Aber der Preis ist wirklich gut. Und irgendwie mag ich die beiden Brüder. Mit denen kann man sich unterhalten und vor allem haben sie auch ein Interesse daran, mal privat zu sprechen oder was zu machen. Jetzt nicht übertrieben, aber wenigstens ein wenig. Und ich bin der Meinung, dass so eine persönliche Beziehung im Fall eines winzigen Start-Ups langfristig entscheidet über Geschäft oder nicht Geschäft.

Hersteller B, der zweite in Delhi, ist ultraprofessionell, pünktlich und liefert Samples von Topqualität (und das nach kryptischen Zeichnungen). Nur geredet wird da eher gar nicht. Lalit, der mich dort betreut, spricht genau so viel, wie es nötig ist, um die Eckdaten abzuhaken. Sein Englisch lässt auch nicht viel mehr zu. Dafür rülpst er ausgedehnt und gerne beim Essen. Zwar habe ich das Gefühl, dass sich unter der rauen Schale ein echt netter Mensch verbirgt, aber ich bin mir sicher, dass ich den nicht kennen lernen werde.

Sein Chef ist zudem nicht an mir heute interessiert, sondern an mir in zwei Jahren (O-Ton). Sprich: Er ist bereit, heute an mich zu liefern, aber nur, weil er erwartet, dass ich in zwei Jahren H&M übernehme und er dann richtig Geschäft machen kann. Mit diesem Druck kann ich schlecht leben. Den Teil habe ich ihm bis jetzt noch nicht beigebogen, sondern nur nett dazu genickt. Und ich fürchte fast, wenn ich ihm sage, dass ich einen Hersteller suche, der auch ein Label bedient, das vielleicht nie (in seinen Augen) sinnvolle Mengen in Auftrag geben wird, wird er mir sagen, dass er darauf keine Lust drauf hat. Abwarten.

Heute steht dann schließlich noch Hersteller C auf dem Programm, der laut eigener Aussage keine Probleme mit kleinen Mengen hat. Aber leider auch sehr teuer ist. Festzuhalten bleibt aber: Alle kaufen ihre Stoffe von extern ein. Das heißt, das 500 Kilo/1000 Meter Problem haben alle.

Übrigens: Das fensterlose Zimmer habe ich verlassen, nachdem mitten in der Nacht jemand an meine Tür klopfte und Kishan rief. Als ich mich als jemand anderes outete, fragte er immer wieder, wer ich denn dann sei. Habe dann durch die geschlossene Tür gebrüllt, dass ihn das nicht zu interessieren habe. Zwei Stunden später rief wieder ein Mann nach Kishan und es hörte sich fast an, als würde jemand die Tür gegenüber eintreten und Kishan aus dem Zimmer einkassieren.

Tauschte also das Zimmer ohne Fenster gegen eines mit Fenster und glaube, ich habe ein Hotel gefunden, in dem man es aushält. War trotzdem toll, gestern nach Agra zu fahren und raus aus Delhi zu kommen. Von dem Smog wird einem echt schlecht auf Dauer. Also mir zumindest. Aber Atmen kann ich jetzt auch nicht besser. Weil das einzige Zimmer, das in dem Hotel frei war, das ich reserviert hatte, komplett verschimmelt war. Und mit komplett meine ich komplett. So man-riecht-es-deutlich verschimmelt. Und es gab erst heute ein anderes. Also liebe Lunge, wir machen einen Deal. Ich rauche dafür heute eine Zigarette weniger.

Sonntag, 31. Januar 2010

Der obligatorische Kulturschock

Paha Ganj at its best. Danke nochmal an Thorsten Eggers.

Indien ist ein großartiges Land. Wenn man genug geschlafen hat, ein Zimmer mit Fenster gefunden hat und sich die nötige Ignoranz angewöhnt hat, die man braucht, wenn Leute einen auf der Straße immerzu fragen, wo man herkommt oder einem was verkaufen wollen. Alles drei trifft auf mich im Moment leider noch nicht zu, aber ich arbeite dran. Also verzeiht mir, falls ich an der einen oder anderen Stelle etwas sarkastisch klinge.

Zurzeit nächtige ich in Paha Ganj. Paha Ganj ist, glaube ich, der schlimmste Ort der Welt. Hier hat Indien kondensiert. Die Enge, die Menschen, das Gehupe, die Gerüche. Genau hier. Geht man 500 Meter weiter, dann steht man auf den breiten Straßen Delhis und hat das Gefühl, man kann atmen. Hier drin (ja, es wirkt immer wie „hier drin“, weil alles so eng ist) hat man das nicht. Die Hauptstraße ist kaum so breit wie zwei Autos, rechts und links türmen sich die Waren der Verkäufer. Von der Straße ab gehen winzige Gassen, so breit, dass man mit beiden Händen an die Wände stößt, wenn man die Arme ausstreckt (und auch wenn diese voller Menschen sind, kann man hier doch immer noch hervorragend Motorrad fahren). Und genau in so einem Tentakel wohne ich. In einem Zimmer ohne Fenster.

Jetzt ist diese Gegend so schlecht und so billig, dass man keinem Einheimischen sagen kann, dass man hier wohnt. Also habe ich am Telefon dem Produzenten erzählt, ich würde irgendwo frühstücken und er könne mich am Freitag daher nicht am Hotel abholen, sondern er müsse zum Bahnhof kommen (der ist gleich daneben). Da ich für die großen zertifizierten Hersteller ohnehin nur ein winziger Fisch bin, den sie vielleicht bedienen, wenn sie gute Laune haben, muss ich irgendwie mit Müh und Not verschleiern, dass ich in einem Tentakel für fünf Euro die Nacht wohne. Die kommen ja sonst gleich auf die Idee, ich sei keine ordentliche Geschäftsfrau.

Jedenfalls ging ich genauso vor und anscheinend war mein Plan aufgegangen. Denn der Chef der Firma meinte zum Abschied: Es gibt am Bahnhof eine Gegend, die heißt Paha Ganj. Die sollten Sie auf jeden Fall meiden. Drogen und so. Ist auch sehr dreckig da.
Ich: Ja, die kenn ich. Als ich noch Backpacker war, habe ich auch dort geschlafen.
Ich war gottfroh, dass er dann nicht weitergefragt hat. Weil lügen ist wahrlich nicht meine Stärke.

Wie gesagt sollte es in Delhi ursprünglich mal zwei Produzenten geben für erste Verhandlungen. Weil wenn ich beim letzten Mal eines gelernt habe, dann, dass man sich nicht von Anfang an von einem Hersteller abhängig machen sollte. Da hatte ich nämlich sechs Wochen mit dem Vater verhandelt. Nach sechs Wochen kam raus, dass der Sohn die Geschäfte übernommen und keine Lust auf kleine Abnehmer hat. Und das hat er mich auch spüren lassen.

Diesmal also zwei, beide in Delhi, damit ich nicht soviel rumfahren muss. Soweit der Plan. Einer der beiden, nennen wir ihn Hersteller A, hatte mir monatelange hinterher telefoniert, nachdem irgendein Agent ihm meine Nummer gegeben hatte. Ich willigte also schließlich ein und schickte ihm meine Zeichnungen und nannte ihm einen Stichtag, zu dem ich in Berlin auf einer Messe sein sollte. Da wollte ich die Muster natürlich mitnehmen.

Hersteller B bekam die Zeichnungen später, kam aber Längen vor Hersteller A im Ziel an. Nach zwei Wochen hatte ich die Samples in Deutschland in der Hand und war ziemlich begeistert. Davon wusste natürlich Hersteller A nichts, der mittlerweile nicht mehr ans Telefon ging, keine SMS und keine Emails beantwortete. Bevor er verschwand, versicherte er mir noch, dass die Samples per Courier unterwegs seien. Die kamen aber leider nie bei mir an. Bis zu meiner Abreise nach Indien. Und da war es nur noch Hersteller B.

(Kurzer Einschub an dieser Stelle: Ich habe Hersteller A heute angerufen, weil er noch Brokatmuster von mir hat, die ich brauche. Er war zwei Wochen im Krankenhaus. Das glaube ich ihm sogar, weil er immer noch ganz schrecklich klang. Aber in der Firma hätte ja vielleicht wer anders eine Email… egal. Ich treffe ihn jetzt zum Essen. Aber eigentlich nur, weil ich heute Abend nichts vor habe.)

Auf besagter Messe traf ich dann noch einen Herrn aus Agra, der dort eine Fabrik hat. Klang auch super und da ich ja unbedingt zwei Hersteller wollte, hat der jetzt auch noch die Zeichnungen bekommen. Dieser Hersteller C hat aber extrem hohe Preise, noch höher als Hersteller B. Also kann ich derweil nur hoffen, dass man da noch was machen kann.

Das größte Problem sind aber wieder mal die Mindestbestellmengen. Zwar ist es für beide Hersteller erst mal in Ordnung, nur 250 Teile pro Schnitt zu machen (also zu schneiden und zu nähen), aber die Stoffhersteller haben für GOTS und Fairtrade Stoffe geradezu horrende Mindestbestellmengen für Stoffe verschiedenen Gewichts und Farbe. 500 kg für gestrickte Stoffe (also Jersey) und 1000 m für gewebte Stoffe. Für ein Teil braucht man in der Regel nicht mehr als 300 g oder einen halben Meter. Das sind wieder Klippen, die man irgendwie umschiffen muss.

Meine Lösung beim letzten Mal war schwarz. Also für alle, die sich schon immer gefragt haben, warum es bei IndiaFling nur schwarze Stoffe gibt, hier kommt die Antwort. Der Hersteller in Kalkutta hatte – im Gegensatz zu Hersteller B und C – seine eigenen Strickmaschinen und das Färben wurde in der Fabrik nebenan erledigt. Also keine Mindestmenge für schwarz egal welcher Qualität. So far so good, jetzt ist alles schwarz, aber das scheint mir diesmal nicht zu helfen. Egal erst mal, wie Scarlett O’Hara immer so schön sagte „I’ll think about it tomorrow“. Mir fällt bestimmt was ein.

Jetzt freu ich mich erst mal, dass ich hier bin. Fenster hin oder her.

Dienstag, 19. Januar 2010

Erste Station Delhi

freundliche Leihgabe von Thorsten Eggers


Ich sitze auf meiner feuchten Matratze in meinem fensterlosen Zimmer in Neu Delhi. Das ist der dritte Tag, an dem ich mir fest vorgenommen hatte, mir was anderes zu suchen. Aber alles, was irgendwie vernünftig klang, war schon voll und kostete außerdem das das drei- bis sechsfache von meinem jetzigen Hotel. Okay, bei fünf Euro die Nacht ist das nicht besonders schwer. Aber für ein bisschen Tageslicht hätte ich nach drei Nächten in der Schuhschachtelwelt schon ein wenig tiefer in die Tasche gegriffen.

Aber jetzt mal von vorn. Ich bin nach Indien gekommen, um hier einen neuen Produzenten für IndiaFling (so heißt mein Label) zu suchen. Um genau zu sein, ist dies meine zweite Reise in Sachen Mode und meine vierte überhaupt nach Indien. Ende 2008 war ich das erste Mal auf Produzentenreise (ich glaube, so sagt man, wenn man den neidischen Freunden erklären muss, dass man hier keinen Urlaub macht… glauben tun sie das aber trotzdem nicht). Das hat damals zwei Monate gedauert. Raus kamen dabei am Ende alle Produkte, die Ihr jetzt auf http://www.india-fling.de/ sehen und kaufen könnt.

Eigentlich war alles sehr aufregend und meine Stimmung schwankte zwischen komplett euphorisch, weil ich etwas gefunden hatte, was mir richtig Spaß macht und total verzweifelt, wenn wieder mal alles gar kein bisschen so funktionierte, wie es sollte. Und das war oft so, denn ich hatte keine Ahnung von Schnitten, Färben, EU-Gesetzen, Export, Import und überhaupt allem, was so dazu gehört. Also versuchte ich zwei monatelang, mich ohne Anlauf mit dem Kopf durch die Wand zu schrauben. Ich werde Euch hier an der einen oder anderen Stelle bestimmt noch mit einem Rückblick unterhalten.

Am Ende hat dann alles soweit funktioniert. Nur die Klamotten und deren Produzent blieben ein Sorgenkind. Zwar war nach langen Monaten und sehr viel Ärger alles so an, wie es sein sollte, aber die Monate waren doch zu lang und der Ärger zu groß gewesen. Daher war klar, dass für die nächste Produktion eine neue Firma hermusste. Deswegen nun diese Reise.

Letzten Donnerstag ging es los und bis Anfang März werde ich in Indien sein. Zwei Produzenten in Delhi sollten für mich Samples machen. Einer hat es bis zum Ende geschafft und einer ist nach dem halben Prozess vom Erdboden verschwunden. Dafür kam dann kurz vor meiner Abreise auf einer Messe in Berlin noch ein Produzent aus Agra an, der jetzt spontan auch noch Musterteile herstellt. Neben Agra und Delhi steht dann noch Varanasi auf dem Programm. Dort sind die ganzen lieben Menschen, die Brokat, Schals und Schmuck für IndiaFling machen. Auch die Schule, die wir unterstützen, ist dort. Und wenn alles einigermaßen klappt, dann schaut vielleicht auch noch eine Woche Urlaub raus.

Ich möchte Euch einladen, die nächsten Wochen an meiner Reise teilzunehmen. Ich verspreche: Es wird spannend!
P.S.: eigentlich ist dieser Post vom 30. Januar... aber technische Probleme und so... also nicht wundern :-)